Der Handke schaut den Qualtinger an und der schaut mich an. Ich sitze an einem kleinen Tisch mit schwarzer Marmorplatte direkt neben der Eingangstür. Ein beißender Geruch liegt wieder in der Luft. Der Rauch des Vorabends klebt noch an den Wänden, steckt in den samtigen, roten Sitzbänken, vermischt sich mit Gulaschgewürz und Schnitzelpanier. Gläser klirren, Teller scheppern, das Bier schäumt in den Krügerln und der weiße Wein steht in kleinen Heurigengläsern. Die bernsteinfarbenen Wandleuchten erhellen den vorderen Raum des Kaffeehauses nur spärlich. Die Wände um mich herum sind zu einem Drittel vertäfelt, zu zwei Drittel mit Plakaten verklebt, darunter blitzt die Wandfarbe durch – kackbraun.
Dann kommt auch schon das Gulasch. Flott! Es raucht und riecht nach Oma und alten Zeiten. Auch das Gulasch ist kackbraun – aber mit Rotstich. Dazu trinke ich Apfelsaft, aufgespritzt auf einen Halben mit Leitungswasser. Der Saft ist trüb und beige, genau wie das Semmerl, beige, und das Körberl auch, beige.
“Nicht perfekt, aber verdammt nah dran”, sagt das Plakat.
Das ist so wie Schnapseln am Samstag, mittags. Das machen die drei Herren an der Bar, einer mit Hut, einer mit Haube und einer ohne. Die drei haben nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu tun, nichts mehr zu erreichen, deshalb können sie das, Schnapseln, am Samstag, zu Mittag schon. Der Kellner hinter der Bar trägt sein Haar grau meliert, dazu ein blau kariertes Hemd und die Brille sitzt auf der Nasenspitze. Er steckt sich eine Zigarette in den Mund und stellt den drei Herren drei Stamperl mit klarem Schnaps hin. Der Kellner daneben trägt die Brille auf der Stirn, seine glänzende Glatze passt zum strahlend weißen Hemd.
“Ich bin ein schicker Lipizzaner!” sagt das Plakat.
Der Herr mit dem jagdgrünen Hut muss derweil noch die Gulaschreste mit dem Semmeleckerl aufwischen. Sie, dicht neben ihm, putzt ihm die Brösel von der Brust. Der gute Pullover ist wieder sauber. Undeutliches Gemurmel zwischen den beiden, Schwedisch vielleicht. Kurz darauf bezahlen sie und verlassen das Kaffeehaus. Nur die Semmelbrösel bleiben auf der schwarzen Tischplatte zurück.
Ich habe mein Gulasch fast aufgegessen. Es heißt, das Gulasch hier in diesem Kaffeehaus sei eines der besten in ganz Wien. Das scheint zu stimmen.
“Only Schnitzel, Sausage or Gulasch!” erklärt der Kellner den französischen Touristen am Tisch mir gegenüber. Sie probieren es noch einmal, haben ihn wohl nicht verstanden, wollen doch so gern ein Wiener Frühstück. “No time for breakfast, too late!” Der Kellner kennt kein Erbarmen, also bestellen sie Schnitzel. Durch die Tür hinter der Bar kann ich zwei Frauen in der Küche erkennen. Männer an der Bar, Frauen in der Küche. So ist das hier. Die Frauen machen vermutlich gerade Schnitzel, Sausage oder Gulasch. Mehr Auswahl gibt es heute nicht.
Ungebremst strömen immer wieder neue Gäste in das Kaffeehaus.
“Wir sind wieder da!” schreit das Plakat von ganz hinten.
Alle miteinander muss er sie enttäuschen, der Kellner. Er hat zu wenig, von allem, zu wenig Zeit, zu wenig Platz, zu wenig Geduld, zu wenig Freundlichkeit, zu wenig Charme, zu wenig, zu wenig, zu wenig.
“Sie müssen woatn!”
“Jo, müssen’s schaun!”
“Finished?”
“Zwa do und vier do!”
“So, Schnitzel war gut?”
Ich lehne mich zurück und lasse die Stimmung auf mich wirken. In meiner Ecke hier neben der Tür kann mir nichts passieren. Ich habe meine Ruhe, stehe niemandem im Weg, brauche nicht viel, habe Gulasch bestellt, wie es sich gehört, verhalte mich ruhig. Hinter mir säumen schwere, rote Vorhänge die riesengroßen Kastenstockfenster und die grünen, schneebedeckten Plastikzweige mit glitzernden, roten Plastikschleifen verraten ein bisschen, dass wir in der Vorweihnachtszeit sind.
Ein großer, schlanker Mann in Blau verstellt mir die Sicht auf die Bar. Er irritiert mich, steht viel zu lange da, sucht vergeblich nach einem Platz, den er nicht kriegen wird. Blaue Hose, blaue Schuhe, blau gestreiftes Hemd, der Pullover in Anthrazit und der blaue Schal unterm Kinn zu einem Knopf gebunden, schütteres Haar, Lesebrille und dazu deutsches Deutsch. Beharrlich steht er da und vertraut auf die Zeit, die ihm weder früher noch später bescheren wird, was er gerne hätte.
“Der überflüssige Mensch”, sagt das Plakat.
Ein alter Herr erhebt sich inzwischen von seinem Stuhl. Die Russen haben das gesehen und stürzen zu seinem Tisch. Der Alte, noch nicht gehbereit, hebt die flache Hand und bremst die ungestümen Kerle. “Üben Sie sich in Geduld, sonst verpassen Sie das halbe Leben.” Die Russen können das nicht verstehen und deuten weiter auf den Tisch des Alten. Diesem ist es nun egal, er weiß, jede Hoffnung ist verloren. So greift er nach seinem karierten Einkaufskorb, rollt ihn hinter sich her, durch die Tür, hinaus in die Kälte.
Ich habe aufgegessen, ausgetrunken, ausgeruht und verlange die Rechnung. Noch einmal schaue ich hinauf zum Handke und zum Qualtinger. Der eine lacht den anderen an und der lacht mich an.

Aus Nichts.Konsens. (Anthologie). Erschienen im März 2018 bei fabrik.transit.

© Sandra Bauer 2017

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